Helmut W. Karl: Portrait

 Helmut W. Karl

Frischer Geist in alte Flaschen


Bildung? Massive Verformung.

(Was die 'allgemeine Schulpflicht' mich lehrte.)

Die Zeit vom zehnten bis vierzehnten Lebensjahr verbrachte ich in Internaten und insgesamt vier verschiedenen Schulen. Gründe für die diversen Wechsel gab es immer recht gut "fachlich fundierte" (weiter unten mehr dazu). Die Frage, weshalb ich in ein Internat sollte, stellte sich mir kaum ... es war einfach eine Entscheidung meiner Mutter und meines Großvaters, die ich nicht in Frage zu stellen hatte. Und ich kann auch sagen, dass ich nie unter einem Internat "gelitten" hätte - im Gegenteil, es gefiel mir im Großen und Ganzen, unter mehreren Gleichaltrigen zu leben.

Die Zeit der zweieinhalb letzten Volksschuljahre nach unserer Heimkehr in meine Heimatstadt waren irgendwie konfliktreich: Ich hatte die Volksschule ja auf dem Land begonnen, hatte da einen Schulweg von knapp einer Stunde zu Fuß, fast durchwegs über freies Land - es war paradiesisch für mich! Oft brauchte ich für den Heimweg zwei und mehr Stunden, weil ich mich irgendwo "verlaufen" hatte: In Ställen bei Bauern, auf Koppeln bei Pferden, auf der Wiese bei Rindern oder Schafen, in der Werkstatt beim Huf- und Wagenschmied oder beim Fassbinder, an der Wehr, wo der Mühlbach abgeleitet wurde, in der Mühle oder einfach auf einer Wiese oder in einem Waldstück. Du meine Güte, wie viel hat es da zu beobachten gegeben!

Vater war nur ein vertraues Wort ...

Zurück in der Stadt war dies alles nicht mehr da, und an seine Stelle sollten "Pünktlichkeit und Zucht" treten --- DIES hätte ich nach Meinung meines Großvaters vor allen Dingen zu lernen. (Ich war in der dritten Schulstufe, als mein Vater kaum zwei Jahre nach Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft einem Verkehrsunfall erlegen, und der Großvater von uns sechs Geschwistern der Vormund wurde.)

Es waren wohl die schwersten Jahre im Leben meiner Mutter - ICH habe es ihr bestimmt nicht leicht gemacht, denn Vater war bei mir "noch nicht angekommen" und mir fehlte die Freiheit des Landes, und ich nahm sie mir bei jeder Gelegenheit. Meine Mutter hatte es schwer ... sie war meiner Entschlossenheit zur Freiheit nicht gewachsen. Drei Schulkinder im Internat war eine notwendige Erleichterung für sie - wird wohl ihr Vater sie überzeugt haben.

Migration durch Schulen und Internate

Die fünfte Schulstufe absolvierte ich bei den "Schulbrüdern", einer konfessionellen Schule mit Internat. An ihrem Ende wurde ich als "viel zu begabt und intelligent" für die Hauptschule eingestuft. Also wechselte ich für die sechste Schulstufe (als Fahrschüler) zur "Realschule", doch da konstatierte man etwa zum Halbjahr, ich sei von den täglichen Zugfahrten überfordert. (Mich hat nie jemand dazu gefragt, ich war einfach zu wenig angepasst.) Man empfahl also wieder ein Internat, dort gab es nur ein Realgymnasium. Am Ende dieser Klasse (5. Schulstufe) hieß es, mir fehle zu viel Stoff aus dem ersten Halbjahr (vor allem Mathematik und Literatur). An die dann folgende Schule habe ich keinerlei Erinnerung, wohl aber an das Internat, wo ich mich doch recht wohl fühlte. Und an den Grund, weshalb ich sowohl das Internat verlassen musste als auch abermals die Schule wechseln:

Wir Jungen hatten in diesem Internat das Paradies vor der Tür: uralte 25 m hohe Laubbäume, im Sommer ideal zum Klettern und weiß Gott was alles. Kaum 50 Meter weg vom Haus - ein alt-ehrwürdiges "Schlösschen" - einen langen Abhang, im Winter wunderbar zum Skifahren und Rodeln. Und im Umkreis von vielleicht einem Kilometer gab es nur hügeligen Wald, Wiesen, Gebüsche ... kurz, ein Paradies für 13-jährige Knaben.

Auch hier gab's eine "Zeitlupen"-Erfahrung beim Rodeln: Irgendwie hatte ich die Herrschaft über meine Rodel verloren und sah ganz klar, dass meine Rodel genau mittig gegen einen Baum knallen würde. Ab vielleicht den letzten 15 cm vor dem Aufprall lief alles in Zeitlupe ab, bis mein Körper in gleichbleibender Geschwindigkeit von der Rodel abhob und mit dem Kopf voran auf den Baumstamm zuflog.

Egal wie unmöglich es mir heute auch erscheinen mag, ich spüre noch ganz genau, wie ich den Kopf zur Seite drehte und ganz knapp am Stamm vorbei ins Gebüsch flog. Wieder auf den Beinen war mein Anorak samt Pullover und Hemd vorne von der harten Rinde des Baumes zerrissen, die Kufen der Rodel waren durch die verbogene Eisenstreben dazwischen "aus der Spur" und den Mittelstreben gerissen. Ich selbst hatte nicht einen Kratzer davon getragen.

Etwa Mitte Juni (also kurz vor Schulschluss) spielten ein Kamerad und ich Tarzan und Trapper in den hohen Bäumen. Als Tarzan schwang ich mit Trällerschrei am Seil von einem Baum zum anderen ... kam aber zu nahe am Boden vorbei, wo "der Trapper" mit seiner gewaltigen Silberbüchse (ein etwa 2 m langer Eichenast) mich abfing, was mich einen Schneidezahn kostete. (Offenbar keine Zeitlupen-Wahrnehmung, denn ich war nur des Fliegens am Seil bewusst.)

Das wäre besser nicht geschehen, denn mein Großvater kam noch am gleichen Tag höchst erbost angereist, um seinen Enkel aus dieser "gewalttätigen Umgebung" nach Hause zu holen. Niemand hörte auf uns ... wir betroffenen Knaben waren uns völlig einig, dass einfach ein Missgeschick passiert war. Die Erwachsenen aber hatten ihre eigene Sicht der Dinge - und ihre eigenen Sorgen. Nun ja ... das war ja seit mindestens drei Jahren nichts Neues für mich, da konnte man aber einfach nichts dagegen tun, als sich damit abfinden. Das Schulzeugnis dieser Klasse erhielt ich zu Hause durch die Post.

Der 'Schulpflicht' entwachsen

Die achte Schulstufe - damals das letzte "Pflichtschuljahr" - verbrachte ich dann wieder zu Hause in meiner Heimatstadt. Dieses Schuljahr - so wie das erste - hinterließ wieder nachhaltige Eindrücke und Erinnerungen. Im folgenden Jahr begann ich die "Gewerbe­schule" für Hochfrequenztechnik - ein Vorläufer der heutigen HTL ("Höhere Technische Lehranstalt") wieder in einem Internat.

Mit starkem Interesse "stahl" ich mich (in Ferienzeiten) oft zu Großvaters Bücherschrank und schmökerte in "Meyers Lexikon" - wie phantastisch war doch die Welt! Was den unterrichteten Stoff angeht, blieb in meiner Erinnerung mit wenigen Ausnahmen nur "Nebel" zurück. Wenn ich (im Unterricht) mal Fragen stellte, dann ging es (mir) immer nur darum, die Sache zu verstehen (ich suchte immer nach einem Gefühl der Wertschätzung, das mit dem Verstehen einhergeht).

In fast buchstäblich allen schulischen Belangen war dies jedoch hinderlich, mein Fragen wurde entweder als provokant, als abschweifend oder störend verurteilt. Ich glaube, meine Fragen betrafen meist Zusammenhänge, die nicht zum (offiziellen) Lehrstoff gehörten. Ich war ja durch "Meyers Lexikon" anspruchsvoll geworden. Aber fast immer, wenn ich wirklich am Schulstoff interessiert war, durfte ich mein Interesse nur "verhalten" und "mild" zeigen ... nur so weit, dass die Lehrkraft sehen konnte, ich "war dabei" und saß nicht teilnahmslos (oder träumend) in meiner Bank.

Starke Lehrerpersönlichkeiten

Seitens der Lehrkräfte erinnere ich nur zwei Ausnahmen: Eine war der Deutschlehrer der achten Schulstufe, die andere der Turnlehrer (er unterrichtete auch Mathematik).

Der Deutschlehrer faszinierte mich durch sein Geschick, die Aufmerksamkeit auf die "inneren Mechanismen" der Sprache zu lenken - das begeisterte mich und meine Begei­sterung wurde wohlwollend und gutheißend ohne die geringste Kritik anerkannt, auch wenn mir dabei "Fehler" unterliefen.

Der Turnlehrer war ein "Naturbursche", der vor allem sportliche Leistung wertschätzte und anerkannte. Mit 14 war ich groß-gewachsen und typisch "schlaksig", also weit ab von einem guten "Turner", aber ich war stark, ausdauernd und zäh. Er äußerte sich kaum über Dinge, die ich schlecht machte, feuerte mich aber bei allem, was ich gut machte an und entlockte mir "Höchstleistungen", was mich wiederum begeisterte.

Aus Mathematik (derselbe Lehrer) erinnere ich mein starkes Interesse und meine Begei­sterung für Dreiecksberechnungen "anhand des Landes" - er lehrte uns die Grundlagen der Triangulation, einer Technik der Landvermessung. Ich war Wochen lang begeistert damit beschäftigt, Punkte im Garten festzulegen, Distanzen und Winkeln zu messen und zu berechnen - eine phantastische Welt hatte sich mir eröffnet.

Ist es verwunderlich, dass gerade diese beiden Lehrer die einzigen sind, die mir aus jener Zeit in Erinnerung geblieben sind?

Neben den schon oben angeführten "Bildungsergebnissen" der Grundschule blieb mir aus den zweiten vier Jahren "Pflichtschulzeit" nur Fragmente des Deutsch- und Matheunterrichts in lebendiger Erinnerung. Klar, natürlich habe ich auch Chemie, Physik, Geschichte und weiß der Himmel was noch "gelernt", aber "Erinnerungen" gibt es daran kaum welche. (Damals begann ich einen Unterschied zu erkennen zwischen "ich habe gelernt" und "ich erhielt Unterricht" - aber das eine hatte mit dem anderen kaum etwas zu tun.)

Ich hatte es meistens schwer, zwischen Liebe, Begeisterung und Interesse an einer Sache zu unterscheiden. Wenn ich Neues erfuhr und es mein Interesse weckte, war dieses stark ... ja "unbändig" und schlug rasch in Begeisterung um. Kurz danach empfand ich dafür das, was ich "Liebe" nannte, ich "liebte" Deutsch und Mathematik (oder besser: Teile des Lehrstoffs, der da vorgetragen wurde).

Es war ein recht starkes Gefühl der Wertschätzung und des Wohlwollens, eine Art tiefes Verständnis für die Sache; es war ein Gefühl der "heiteren" Ruhe, von Gelassenheit, aber auch der Verbundenheit damit: "Es" durfte sein, wie es ist, es war in meinen Augen gut und ich wollte "mit ihm Eins" sein und wollte "für es", dass es gewisser Maßen "ewig währte". Ich fühlte mich irgendwie "einig" damit ... so vertraut, dass ich oft nicht sagen konnte, was war "es" und was war ich ... wir waren "Eins":

'Schulpflicht' und Zwang - oder Interesse?

Das wirklich Bemerkenswerteste, das ich in den vier Jahren meiner mittleren Schulzeit lernte, war im Grunde, dass Liebe, Begeisterung und zu starkes Interesse meinem Fortschritt hinderlich waren. Worauf es in der Schule ankam, ging mir einerseits "gegen Strich", schien aber anderseits "fürs Durchkommen wesentlich": Eine Sache "lernen" hieß, sich den vorgetragenen Stoff zu merken, aber ihn um des Himmels Willens niemals in Frage stellen!

Muss Kultur zestören? In Wahrheit ging es im Schulunterricht überhaupt nicht um uns, um mich, im Gegenteil:
Wir waren - ich war - nur eine Art "Rohstoff", der zu einem "Halbfertigprodukt" "verarbeitet" werden sollte, zu "arbeitstüchtigen, pflichttreuen und verantwortungsbewußten Gliedern der Gesell­schaft".

Mein Deutschlehrer der achten Schulstufe war der einzige Lehrer, der uns seine gesetzliche Aufgabe erklärt hatte: Er sollte ...

"an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch (...) entsprechenden Unterricht mitwirken. Er sollte die Jugend mit dem für das Leben und den künftigen Beruf erforderlichen Wissen und Können ausstatten und zum selbsttätigen Bildungserwerb zu erziehen." (Hervorhebung durch mich.)

Wahres Interesse wacht auf

Interessant, dass ich in den von diesen Herrn unterrichteten Bereichen (und später Elektronik) "im Leben" tatsächlich "selbsttätig Wissen erworben" habe - ob es allerdings "Bildung" war, kann ich aber dennoch nicht behaupten. Nach meinem persönlichen Erleben hatte ich den Eindruck, dass nur dieser Deutschlehrer und sein Kollege für Turnen und Mathematik ihrer "Amtspflicht" nach Kräften nachgekommen sind.

Diese Feststellung mache ich in Anerkennung der Persönlichkeit dieser Lehrer, ohne damit alle anderen meiner Lehrkräfte verurteilen zu wollen: Sie waren selbst "gebildet" worden und mögen ihre Pflicht genau so "arbeitstüchtig, pflichttreu und verantwortungsbewusst" ernst genommen haben. Man kann nicht von Schuld sprechen, wenn ihr Wirken bei mir anders angekommen ist. Dennoch ... am Ende meiner "Schulpflicht" zeigte meine Bilanz negative Ergebnisse: Mit 14 Jahren wusste ich, dass mir mehr "abgenommen" worden ist, als ich "bekommen" habe.

Copyright Helmut W. Karl © 2015

Ich danke herzlich für Ihr Interesse und Ihren Besuch und
wünsche Ihnen das Beste!
Helmut W. Karl

Die Sicht eines anderen, gewiss sachkundigen Menschen auf diese Problematik: Vera F. Birkenbiehl


Zum Titelbild: Wasser und der weite Horizont bilden gewisser Maßen das Sinnbild für alle Artikel in dieser Sait.

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Das Motto "Frischer Geist in alte Flaschen" geht auf ein sehr nettes Büchlein "Der Geist in der Flasche" zurück, in dem sich "der Geist" die bewegende Frage stellt "Bin ich eine Flasche oder hab' ich eine?" Mein Gedanke dazu war: Rüttle den Geist, der sich als Flasche sieht, auf und gib ihm ein frisches Leben!

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Copyright dieser Seite Helmut W. Karl (Impressum), Text publiziert 26Jan2015 & letzte Änderung: 04Mai2015.